12. Juli 2026 · Technik

Wer schon einmal auf einem Ibis Ripmo, Ripley oder HD6 gesessen hat, kennt diesen Moment: Du fährst in einen steilen, verblockten Uphill, trittst kraftvoll in die Pedale – und statt dass der Hinterbau im Federweg versackt oder der Hinterreifen auf feuchten Wurzeln durchdreht, generiert das Bike Vortrieb. Bergab ist derselbe Hinterbau sehr plush und selbst feinstes Bremswellen werden glattbügelt.
Das Geheimnis hinter dieser doppelten Charakteristik heißt dw-link. Aber was genau unterscheidet das von Fahrwerks-Guru Dave Weagle patentierte System von herkömmlichen Viergelenkern, Eingelenkern oder Horst-Link-Systemen?
Warum eliminiert es das gefürchtete Wippen ohne Sperrhebel am Dämpfer? In diesem Deep Dive erklären wir die Physik und Mechanik hinter einer der besten Hinterbau-Kinematiken der Mountainbike-Geschichte.

Ibis Oso DW-Link Kinematik

1. Das Grundproblem moderner Full-Suspension-Mountainbikes

Beim Treten auf dem Mountainbike wirken dynamische Kräfte auf das Gesamtsystem aus Fahrer, Rahmen und Hinterbau. Zwei Effekte stehen dabei im Zentrum: die Gewichtsverlagerung des Fahrers nach hinten und der Zug der Kette am Hinterrad. Genau aus diesem Spannungsfeld entsteht der Zielkonflikt moderner Fullys.

  • Squat: Bei jeder kraftvollen Kurbelumdrehung beschleunigt die Fahrermasse. Durch die Trägheit wandert der Schwerpunkt leicht nach hinten, der Dämpfer komprimiert und das Bike beginnt zu wippen.
  • Chain Pull: Gleichzeitig zieht die gespannte Kette das Hinterrad nach vorn. Je nach Lage des Drehpunkts kann diese Kraft den Hinterbau stabilisieren oder zusätzlich in den Federweg drücken.

Klassische Hinterbausysteme mussten deshalb oft einen Kompromiss eingehen: Entweder fuhr sich das Bike straff und effizient im Uphill, verlor dafür aber Sensibilität und erzeugte Pedalrückschlag. Oder es sprach wunderbar fein an, wippte dafür jedoch schon beim kleinsten Wiegetritt.

2. Die Lösung: Der Instant Center des dw-link

Das dw-link ist ein Dual-Link-System mit virtuellem Drehpunkt. Der Hinterbau besteht aus einem steifen hinteren Dreieck, das über zwei kurze, gleichsinnig rotierende Umlenkhebel mit dem Hauptrahmen verbunden ist. Der eigentliche Clou liegt jedoch nicht nur in der Anzahl der Lagerpunkte, sondern in der Art, wie sich der momentane Drehpunkt des Systems im Federweg bewegt.

Dieser momentane Drehpunkt heißt Instant Center. Er beschreibt den Punkt, um den sich das Hinterrad in genau diesem Augenblick des Federwegs kinematisch dreht. Beim dw-link ist dieser Punkt nicht starr festgelegt, sondern wandert gezielt entlang einer exakt definierten Bahn.

Die kinematische Besonderheit des dw-link liegt in der kontrollierten Wanderung des Instant Centers. Weil sich der virtuelle Drehpunkt über den Federweg hinweg gezielt verschiebt, kann Ibis die Anti-Squat-Charakteristik in jedem relevanten Federwegsbereich sehr genau abstimmen.

Ibis Oso DW-Link Kinematik

3. Anti-Squat im Detail: Balance im Sag-Bereich

Der Begriff Anti-Squat beschreibt das Verhältnis zwischen der Gegenkraft durch Kettenzug und der Kompressionskraft, die durch die Gewichtsverlagerung des Fahrers entsteht. Vereinfacht gilt:

Anti-Squat (%) = mechanische Gegenkraft durch Kettenzug / Kompressionskraft durch Schwerpunktsverlagerung × 100

  • 100 % Anti-Squat: Exaktes Gleichgewicht. Das Fahrwerk bleibt beim Treten weitgehend neutral.
  • Über 100 %: Der Hinterbau stützt sich leicht gegen Kompression ab. Das reduziert Wippen und macht das Bike sehr effizient.
  • Unter 100 %: Der Hinterbau gibt unter dem Tritt eher nach. Das kann Komfort bringen, kostet unter Last aber Vortrieb.

Die Genialität des dw-link zeigt sich nicht in einem einzelnen Anti-Squat-Wert, sondern in der Anti-Squat-Kurve über den gesamten Federwegsverlauf. Gerade im für das Pedalieren entscheidenden Sag-Bereich trifft das System eine extrem präzise Abstimmung.

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Im Sag

Etwa 100 bis 110 % Anti-Squat im Bereich von rund 25 bis 32 % Federweg. Genau hier neutralisiert das System die Körperbewegung beim Treten. Das Bike bleibt ruhig, effizient und braucht in der Regel keinen Lockout.

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Im mittleren Federweg

Mit zunehmender Kompression fällt der Anti-Squat-Wert kontrolliert ab. Pedalkräfte werden stärker entkoppelt, Wurzeln und Kanten können sauber absorbiert werden, ohne dass harte Rückmeldungen in den Pedalen entstehen.

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In der Endprogression

Im letzten Federwegsdrittel liegt der Anti-Squat deutlich niedriger. Dadurch bleibt die Federung frei, schluckfreudig und kontrollierbar, wenn es schnell, grob oder richtig steil wird.


4. Sensibilität trotz Effizienz: Wie dw-link Traktion erzeugt

Viele Fahrer stellen dieselbe Frage: Wenn der Hinterbau beim Pedalieren so stabil bleibt, blockiert er dann nicht auf technischen Uphills? Genau hier trennt sich Kinematik.

Weil der Anti-Squat des dw-link genau im Bereich des Negativfederwegs auf Neutralität optimiert ist, braucht Ibis keine massiv stützende Plattform-Druckstufe, um Wippen zu unterdrücken. Der Dämpfer kann offen gefahren werden, ohne dass das Bike schwammig wird. Weshalb wir auch unseren Traction-Tune verbauen. Aber dazu mehr in einer weiteren Blog-Serie.

Triffst du im steilen Uphill auf eine Wurzel oder eine Steinkante, passiert vereinfacht Folgendes:

  1. Der Hinterbau komprimiert über den Sag-Punkt hinaus.
  2. Der Anti-Squat-Wert sinkt in diesem Moment gezielt leicht ab.
  3. Die Kette gibt den Hinterbau freier arbeiten, statt ihn zu blockieren.
  4. Das Hinterrad kann nach oben und leicht nach hinten ausweichen und behält so mehr Bodenkontakt.

Genau daraus entsteht das typische dw-link-Gefühl: viel Vortrieb unter Last, aber gleichzeitig erstaunlich viel Traktion auf losem, nassem oder verblocktem Untergrund.

Ibis Oso DW-Link Kinematik

5. Anti-Rise und Bremsverhalten: Mehr Kontrolle bergab

Neben dem Pedalieren beeinflusst die Hinterbaukinematik auch das Verhalten beim Bremsen. Dieser Bereich wird über den Wert Anti-Rise beschrieben. Er bestimmt, wie stark Bremskräfte das Ein- und Ausfedern des Hinterbaus beeinflussen.

Beim dw-link liegt der Anti-Rise in einem Bereich, der die Federung beim Anbremsen nicht unnötig verhärtet. Das Hinterrad kann also auch auf steilen Abfahrten und bei gezogener Hinterradbremse aktiv arbeiten. Das Resultat: mehr Ruhe, mehr Bodenkontakt und weniger Stempeln am Heck.

Ibis Oso DW-Link Kinematik

Zusammenfassung: Das Leistungsversprechen des dw-link

  • Effizienz ohne Lockout: Du musst nicht vor jedem Anstieg nach dem Hebel am Dämpfer greifen.
  • Starke Traktion: Das Hinterrad bleibt auf technischem Terrain länger am Boden und setzt Leistung besser in Vortrieb um.
  • Weniger Pedalrückschlag: Das Fahrgefühl bleibt auch auf schnellen, ruppigen Trails ruhiger in den Füßen.
  • Hohe Dauerhaltbarkeit: Kurze, verwindungssteife Umlenkhebel und groß dimensionierte Lager sind auf lange Belastung ausgelegt.

Fazit: Warum Ibis mit dw-link als Referenz gilt

Das dw-link ist kein Marketing-Begriff, sondern eine mathematisch sauber entwickelte Antwort auf einen alten Mountainbike-Konflikt: effizient klettern, ohne bergab Sensibilität zu opfern. Durch die gezielte Steuerung des Instant Centers verbindet das System hohen Anti-Squat im relevanten Tretbereich mit freier Federungsarbeit, sobald der Trail grob, steil oder unruhig wird.

Genau deshalb fühlen sich Bikes wie Ibis Ripmo, Ripley oder Oso E-MTB auf dem Trail so vielseitig an. Sie liefern Vortrieb im Uphill, Grip auf technischen Passagen und Ruhe im Downhill, ohne dass du permanent am Fahrwerk nachregeln musst.

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