Ibis Oso TR im Test: Das E-MTB und der Kurvenräuber des Jahres?
Das neue E-MTB der kalifornischen Kultmarke kommt im neuen Look mit geraden Linien und setzt weiterhin auf den bewährten DW-Link-Hinterbau. Ist das neue Oso gelungen? Auf dem Papier ist das Ibis Oso TR ein ausgewachsenes Fullpower E-MTB mit langem Radstand und 160mm Federweg vorne. Auf dem Trail fährt es sich komplett anders: super leicht, verspielt und mit einer Traktion, die uns jedes mal aufs neue Grinsen lässt. Hier ist unser Fahrbericht.
8. September 2026 · Test
Es gibt E-MTBs, die sich genau so anfühlen, wie ihre Geometrie-Tabelle es verspricht: lang, laufruhig und präzise – aber eben auch ein bisschen behäbig. Und dann gibt es das Ibis Oso TR. Auf dem Datenblatt steht ein Bike mit langem Radstand und typischem All-Mountain Federweg. Auf dem Trail steht plötzlich ein E-MTB, das sich anfühlt wie ein deutlich potenteres aber auch leichteres Bike. Verspielt, direkt und mit einer Lust auf Kurven und Vollgas, die man einem Fully mit 600Wh-Akku im Unterrohr nicht zutrauen würde. Wir haben das Oso TR über mehrere Ausfahrten getestet, bergauf und bergab, und erklären, warum genau diese Diskrepanz zwischen Zahlen und Fahrgefühl das Bike so besonders macht.
Bike-Übersicht: Ibis Oso TR im Test-Setup
Für unseren Test kam das Oso TR in der Ausstattung SRAM GX AXS zum Einsatz. Die Kombination aus Antrieb, Federweg und Akkugrösse ist bei Ibis bewusst so gewählt, dass Performance und Reichweite nicht gegeneinander ausgespielt werden:
- Gabel: RockShox Lyrik Ultimate mit 160mm Federweg — satt genug für ruppige Alpentrails, aber spritzig genug für verspieltes Fahren
- Dämpfer: RockShox Super Deluxe Select+ mit 150mm Federweg am Hinterrad, Traction Tune und abgestimmt auf die Oso-eigene DW-Link-Kinematik
- Motor: Bosch Performance Line CX (Gen5) mit 120Nm Drehmoment
- Akku: 600Wh — genug Reserven für Afterwork-Laps und ganze Enduro Touren, ohne unnötig Gewicht mitzuschleppen.
Diese Spec-Liste liest sich wie ein waschechtes Enduro-E-MTB — und genau das ist das Oso TR auf dem Papier auch. Umso überraschender ist, was daraus auf dem Trail wird.
Erster Eindruck: Leicht und verspielt und Vollgas, obwohl die Zahlen etwas anderes sagen
Schon in den ersten Kurven auf dem Trail wurde klar, dass sich die reine Geometrie-Tabelle des Oso TR nicht eins zu eins auf das Fahrgefühl übertragen lässt. Radstand und Front-Center sind bewusst grosszügig ausgelegt, für Laufruhe und Stabilität bei hohem Tempo. Trotzdem lässt sich das Bike unglaublich leicht in Schräglage bringen und durch enge Spitzkehren drücken. Mit einem Radstand von 1315 mm in der Grösse L ist das Bike wirklich ein Langholzlaster. Wir haben es mehrfach im direkten Vergleich mit deutlich kürzer gebauten E-Bikes gefahren — und das Oso TR fühlte sich dabei nie länger oder unhandlicher an, eher im Gegenteil.
Der Grund dafür liegt in der Kombination aus tiefem Schwerpunkt, ausgewogener Gewichtsverteilung und dem tadellos arbeitenden DW-Link-Hinterbau, der das Hinterrad förmlich am Boden festklebt. Wo andere lang gebaute E-MTBs beim Einlenken zögern, reagiert das Oso TR sofort und präzise — man muss dem Bike nicht hinterherfahren, man fährt es aktiv durch den Trail. Was aber nicht heiss, man muss es wirklich hart irgendwo rein drücken wie bei anderen E-MTB's. Im Gegenteil, es fährt sich vom Gefühl eher wie ein Light-E-Bike.
Bergauf: Bosch CX Gen5 mit 120Nm — und ein Fahrwerk, das Traktion regelrecht sucht
Der Bosch Performance Line CX Gen5 hat uns auf technischen Uphills mehrfach überrascht. 120Nm Drehmoment klingen auf dem Papier stark — auf dem Trail fühlen sie sich noch stärker an. Steile, wurzelige Rampen, bei denen man sonst aus dem Sattel muss und um jeden Meter kämpft, nimmt das Oso TR im Sitzen und mit ruhigem Tritt. Der Antritt aus dem Motor kommt sauber und kontrollierbar, nie ruckartig! Kein Durchdrehen! Man kann die Power super über das Pedal modulieren. Genau das, was man in technischem Gelände braucht, um nicht das Hinterrad durchdrehen zu lassen. Optional lässt sich die Reichweite über den 250Wh Powermore erweitern. Ein weiterer Vorteil: Das Gewicht der Powermore sitzt nicht oben am Lenkkopf, sondern tief unten im Flaschenhalter. Was das Handling nochmals verbessert.
Und genau hier zeigt sich die zweite grosse Stärke des Bikes: die Traktion. Der DW-Link-Hinterbau hält das Hinterrad auch unter Last spürbar am Boden, während der Motor seine 120Nm auf den Trail bringt. Das Resultat: Das Oso TR klettert bemerkenswert effizient, ohne dabei zu wippen oder sich unruhig anzufühlen, und lässt sich auch in technischen Sektionen bergauf präzise und mit viel Vertrauen kontrollieren. Genau die Anstiege, die vorher als "schieben" endeten, wurden bei unserem Test plötzlich zum Spass-Faktor. Wir sind noch nie ein E-Bike gefahren, welches so gut klettert.
Bergab: Präzise, leicht und schnell — kein Fahrgefühl wie ein Full-Power-E-MTB
Genau dieses Muster setzt sich in der Abfahrt fort. Mit der RockShox Lyrik Ultimate (160mm) vorne und dem Super Deluxe Select+ (150mm), gepaart mit dem DW-Link Hinterbau hat das Oso TR mehr als genug Reserven für schnelle, ruppige Trails — trotzdem fährt es sich nie schwerfällig. Im Gegenteil: Wo man von einem Full-Power-E-MTB mit 600Wh-Akku eher ein bulliges, kompromissbereites Handling erwartet, liefert das Oso TR eine erstaunlich spitze, direkte Rückmeldung. Richtungswechsel, enge Spitzkehren, schnelles Pumpen über Wellen — das Bike geht mit, statt zu bremsen.
Das Fahrwerk arbeitet dabei extrem sensibel und "klebt" förmlich am Boden, ohne bei harten Kompressionen durchzuschlagen. Genau diese Kombination aus Bodenhaftung und Verspieltheit ist es, die das Oso TR von vielen anderen E-Enduros abhebt: Es fühlt sich nicht nach einem schweren Akku und viel Motor an, sondern nach einem leichten, agilen Trailbike, das zufällig beim Klettern ordentlich Rückenwind hat. Dabei motiviert das Bike einen wirklich die Bremsen offen zu lassen.
Für wen ist das Ibis Oso TR das richtige Bike?
Wer ein E-MTB sucht, das den Alltag souverän meistert und sich nach schwerem Fullpower-EMTB anfühlt, ist beim Oso TR goldrichtig. Die Kombination aus super plushen Fahrwerk, viel Grip und einem leichten Fahrgefühl macht es zu einem der verspieltesten und gleichzeitig traktionsstärksten E-MTBs, die wir in dieser Kategorie in der Schweiz gefahren haben.
Unser Fazit nach dem ersten Test
Das Ibis Oso TR ist der Beweis dafür, dass eine grosszügige Geometrie und ein langer Radstand nicht automatisch ein behäbiges Fahrgefühl bedeuten müssen. Auf dem Trail fährt sich das Bike leichter, verspielter und direkter, als es die Zahlen vermuten lassen. Das bei vollem E-MTB-Komfort mit Bosch CX Gen5, 120Nm und 600Wh Reichweite. Bergauf überzeugt es mit Traktion und Kontrolle in technischem Gelände, bergab mit einer Präzision, die man Full-Power-E-MTBs sonst selten zutraut. Für uns eines der spannendsten E-MTBs des Jahres — und ein klarer Beweis, warum Ibis mit dem Oso in der Schweiz aktuell für Gesprächsstoff sorgt.
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